38 Jahre nach den ersten Snowboard-Weltmeisterschaften im Engadin gibt es nun eine Neuauflage. Bis 30. März steht St. Moritz ganz im Zeichen der Snowboarder und Freestyler.
35.000 Kubikmeter Schnee hat Carlo Rusterholz in den vergangenen Monaten unterhalb der Mittelstation Murtèl durch ständiges Plattfahren mit dem schweren Pistengerät so komprimiert, dass kein Luftloch mehr zwischen die Flocken passt und parallel zueinander zwei sieben Meter hohen Wände aufgetürmt. Die Halfpipe für die Weltmeisterschaften: 22 Meter breit, 170 Meter lang, ein Gefälle von 17 Prozent und von oben bis unten in perfektem Zustand.

Rusterholz hat schon viele solcher Superpipes gebaut. Auch bei den Olympischen Spielen von Sotschi, Pyeongchang und Peking. Nun hat der 40-Jährige, der im nahen Arosa mit 21 Jahren als Pipe-Shaper begonnen hat, weil ihm der Zustand der Schanzen nicht gefiel, ein Heimspiel. Seine eigene Karriere endete frühzeitig mit einem gebrochenen Wirbel. Seitdem konzentriert er sich darauf für andere optimale Bedingungen zu schaffen. Mit 3D-Simulationen, speziellen Pistengeräten und vor allem dem, was er „Popo-Gefühl“ nennt, weil er mit seiner Routine weiß, wie und wann er die Maschinen ansetzen und einsetzen muss, um ein perfektes Ergebnis zu erzielen.
Das gilt auch für die Schanzen und Kicker im Corvatsch-Park, wo Jonatan Rodigari Coach der Fresk-Akademie ist, in der auch Ungeübte lernen, wie sie die Elemente aus Schnee, Kunststoff oder Metall richtig und sicher nutzen. Aufwärmen und Dehnen gehört ebenso dazu, wie die eindringliche Warnung, vorsichtig anzufangen: „Langsam anfahren und einmal abschwingen vor dem Hügel!“ Kontrolliert sollen sich die Neulinge mit dem fremden Terrain vertraut machen und erst einmal mit kleinen Hüpfern Gefühl dafür bekommen. Die Bedingungen sind perfekt: Traumhafter Schnee, stahlblauer Himmel und die Anlage so weitläufig, dass sich nieman in die Quere kommt. Geduldig zeigt Rodigari, wie man anfährt, wo man abspringt und wie landet und so werden mit jeder Fahrt die Sprünge weiter und das Grinsen breiter.

Die Weltmeisterschaften wird er im Park arbeiten, erzählt der junge Coach, der nach einer Verletzung beim Big Air die Seiten wechselte. Dafür wird sein Akademie-Kollege Nalu Nussbaum dabei sein. Der 22-Jährige lebt mit seiner Familie von klein auf den Lebensstil Freestyle. Er trägt ihn sogar im Namen, der Welle bedeutet und den die Eltern vom Surfen auf Hawaii mit ins Engadin brachten, wo sie mit dabei waren, als das streng organisierte Skifahren eine lockere Alternative bekam. Vom Vorwärtssalto, den Vater Nick Nussbaum über das Dach der Alpinabar machte, redet man noch heute. Und auch von Filmen wie Bogners „Fire & Ice“ oder James Bond, für die er und seine junge Frau die spektakulären Ski- und Snowboardszenen übernahmen.
Es sei eine Zeit des Aufbruchs gewesen, erinnert sich Sabrina Nussbaum, die sich auf allen Brettern wohl fühlt. Die Engadinerin brachte von ihren Reisen die ersten Carver ins Tal und brettert mit allem, was der Malojawind vor sich her treibt über die Seen. Das Gleiten begeistert die Bewegungspädagogin, Ski-und Snowboardlehrerin seit jeher. Und sie vermittelt es in ihren Kursen. Beim „Yoga on Snow“ geht es Nussbaum darum, das Gefühl für Bewegung und den Blick für die Natur zu vermitteln. Der Ort, an dem sie das tut, ist schon vom Namen prädestiniert dafür. „Wir fahren ins Paradiso“, sagt sie und geleitet ihre Gruppe an den äußersten Rand des Corviglia-Gebiets, wo jeglicher Trubel und die Musik aller Apres-Ski-Bars hinter ihnen liegen. Weithin sichtbare blaue Schilder weisen das „Yoga on Snow“ aus. Etwas abseits der Piste regen die Stationen zum Innehalten, Nachdenken und Ausprobieren an. Und zu einer gewissen Gelassenheit gegenüber sich und Toleranz gegenüber anderen. Es sind einfache Übungen die Verspannungen lösen, die Beweglichkeit fördern und die Natur spüren lassen. So, wie beim Schneeengel, bei dem die Erwachsenen am Boden liegen und sich mit Blick in den Himmel daran erinnern, warum sie das als Kinder schon so gern getan haben.

Nussbaumers Yoga on Snow ist aber alles andere, als nur meditative Angelegenheit. Vor allem gehört Skifahren dazu. Und da versucht die erfahrene Lehrerin das Gefühl anzusprechen. Mit angezogenen Zehen versucht man entspannt und fest im Stiefel zu stehen. Bloß nicht verkrampft die Füße krallen. Tief atmen, wenn die Kanten den größten Druck erzeugen oder Rutschen bewusst zulassen. „Versucht intuitiv aus den Füßen heraus zu fahren“, gibt sie beim Abschied mit auf den Weg und lacht: „Das Gehirn mischt sich sowieso viel zu viel ein.“

Wie der Anteil von Intuition und Kalkül im Ski- oder Snowboardcross ist? Robin Miozzari, den alle nur Mio nennen, rät diese Frage den Trainern und Fahrern zu stellen, die sich im Freestylegelände von Salastrains tummeln. Unterhalb des berüchtigten Abfahrts-Starts für den Ski-Weltcup windet sich die Piste mit Steilkurven und Sprüngen über den Hang. Zuerst werden hier die Skicrosser starten, später die Snowboarder. Damit die Cross-Strecke, die schon den ganzen Winter eifrig frequentiert wurde, für beide Disziplinen sicher zu fahren ist, haben sie den Kurs entlang der Steilkurven auf unterschiedlichen Strecken gelegt. Für spektakuläre Positionskämpfe bei den Weltmeisterschaften und nach der WM für alle Hobbysportler, die überall in St. Moritz dieses besondere Lebensgefühl der Freestyler im Schnee selbst erleben können. Wegen der schneesicheren Höhe bis Ende April.
Informationen
Die Weltmeisterschaften im Snowboarden und Ski-Freestyle finden vom 17. – 30. März in St. Moritz statt.
Sämtliche Wettbewerbe sind für Zuschauer frei zugänglich. Die Halfpipe ist auch für Fußgänger von der Mittelstation Murtèl aus problemlos erreichbar.
Nach den Weltmeisterschaften werden in der Halfpipe von St. Moritz noch Europameisterschaften und Schweizer Meisterschaften ausgetragen. Danach beginnt die Saison der Snowboard-Camps. Wenn keine Wettkämpfe oder Kurse stattfinden, ist die Halfpipe frei zugänglich.
www.freestylestmoritz2025.ch
www.engadin.ch
Freestyle-Kurse für alle Könnensstufen: www.fresk.ch
Yoga on Snow: www.suvretta-sports.ch
